Vorzeigeprojekt für junge Bürger, aber Anrainer besorgt!

Die Gemeinde Tattendorf will den Rotwein-Ort sanft weiterentwickeln und 30 Bauplätze für junge Tattendorfer schaffen. Das Vorzeigeprojekt sorgt aber bei den Anrainern für große Besorgnis und Unverständnis!

Wie soll sich ein Ort weiter entwicklen? Diese Frage stellte sich auch die Gemeinde Tattendorf in den vergangenen Jahren immer wieder. Dazu wurde vor einigen Jahren eine Projektgruppe aus Bürgerinnen und Bürgern der Gemeinde gebildet. Diese hat eine sanfte Entwicklung von 10-15% Zuzug in 10 Jahren als ideales Szenario beschlossen. Eine Entscheidung, der sich auch die Politik in Tattendorf angeschlossen hat. „Bei einer Gebarungsprüfung des Landes wurde kürzlich festgestellt, dass von 2020 auf 2021 die Einwohnerzahl von Tattendorf um 40 gesunken ist“, berichtet Bürgermeister Alfred Reinisch (UHL). „Wir wollen eine sanfte Weiterentwicklung unserer Gemeinde und sind bei Umwidmungen sehr vorsichtig“, so der Ortschef. 

Zwischen dem Großheurigengelände und der Augasse wurde im Dezember ein Grundstück mit 30 Bauparzellen mit jeweils 461Quadratmeter umgewidmet. „Dieses Grünland war bereits einmal Bauland und konnte jetzt von der Gemeinde angekauft werden“, so der Bürgermeister. Diese Grundstücke sollen an junge Tattendorfer Bürger weitergegeben werden. Es besteht die Möglichkeit, die Grundstücke im Rahmen eines Baurechtsvertrages mit dem Land Niederösterreich zu erwerben. So können junge Tattendorf die 461 Quadratmeter Grundstücke, die maximal zu 35% bebaut werden dürfen, um einen Preis von 130 Euro pro Quadratmeter, statt der am freien Markt üblichen 370 Euro, erwerben. Der Kauf ist aber mit zahlreichen Auflagen verbunden. 

„Es ist besonders wichtig, dass wir für die Vergabe, die von der Gemeinde durchgeführt wird, Kriterien schaffen, dass diese Grundstücke wirklich für junge Tattendorf und nicht für Spekulanten verwendet werden“, so Vizebürgermeister Franz Knötzl (ÖVP). Hinter dem Projekt steht der gesamte Gemeinderat. Sowohl UHL als auch die ÖVP und die SPÖ haben alle Beschlüsse einstimmig gefasst. 

Zwar sollen die Grundstücke langsam im Laufe der nächsten 10 Jahre verkauft und bebaut werden, jedoch wird es zu Beginn auf Grunde des großen Interesses gleich ein paar mehr Grundstücke zum Verkauf geben, um der Nachfrage gerecht zu werden. „Wir haben bereits über 20 Anfragen von jungen Tattendorfer Bürgerinnen und Bürgern“, so der Ortschef. Er sieht in dem Projekt eine große Chance für Tattendorf und für die jungen Bürger. 

Besorgt hingegen sind vor allem einige Anrainer rund um die geplante Siedlung. „Für uns gibt es drei Punkte, die uns große Sorgen bereiten“, so Anrainerin Eva-Maria Schulz. „Das Erste ist der Hochwasserschutz, da wir vor einigen Jahren bereits erleben mussten ,wie unsere Keller überflutet wurden und damals die freie Fläche, die jetzt bebaut werden soll, als Ausgleichsfläche dient. Wir befürchten das der Hochwasserschutz den veränderten Klimabedingungen wie geplant standhalten kann. Zum Zweiten ist es der Verkehr und die Zu- und Abfahrt zu den 30 Häusern. Das bedeutet für uns 60 Autos mehr, die über die schmale Augasse oder die Feldgasse zu der Siedlung zufahren. Auch wenn im Süden eine neue Straße beim Großheurigen gebaut wird, sehen wir den Verkehr während der Bauphase aber auch anschließend als großes Problem“, so die Anrainerin. 

„Das Dritte ist der Großheurige“, so Brigitte Andreasch. „Wir machen uns schon große Sorgen darum, dass dieses Tattendorfer Aushängeschild in Gefahr ist, den bisherigen Charakter zu verlieren. Überhaupt sehen wir es sehr kritisch, dass man das Projekt ausgerechnet hier verwirklichen will, wo es sicher auch andere Möglichkeiten in Tattendorf gäbe“, so Andreasch. 

„Wir haben seit 2008 einen neuen Hochwasserschutz, daher besteht hier keine Gefahr“, so Bürgermeister Reinisch. „Das Land wurde sonst das Projekt auch nie genehmigen. Bezüglich der Zufahrt würde für die Siedlung eine eigene Zufahrt über das Großheurigengelände geplant. Hier haben wir ein Verkehrskonzept entwickelt und das auch den Anrainern präsentiert“.

Als Großheurigenwinzer sieht Reinisch auch den Großheurigen nicht in Gefahr.  Andere Möglichkeiten das Projekt zu realisieren gäbe es nicht. „Wir sind aber auch davon überzeugt, dass der Platz dort sehr geeignet ist, da steht der gesamte Gemeinderat dahinter“, betont Reinisch. 

Das Grundstück wurde bereits von der Gemeinde angekauft und im Dezember wieder in Bauland umgewidmet. Jetzt will man vor allem die Kriterien für die Vergabe so gestalten, das junge Tattendorfer die Möglichkeit haben, in ihrer Heimatgemeinde ein Haus zu bauen. Aber auch bei den betroffenen und besorgten Anrainern will man jetzt Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit leisten. „Die Entwicklung von Tattendorf ist sicher eine sehr sensible Aufgabe, dennoch müssen wir uns vorsichtig aber doch weiter entwickeln“, so Reinisch. „Wir machen das mit großer Vorsicht und Behutsamkeit“, so auch Vizebürgermeister Franz Knötzl. 

Gegenüber vielen anderen Gemeinden, die Grundstücke umwidmen und Bauträgern überlassen, die so viel Wohneinheiten wie möglich unterbringen wollen, hat sich die Gemeinde Tattendorf für einen ganz anderen Weg entschieden. Das Projekt soll jungen Tattendorfern ermöglichen, in ihrem Heimatort ein Zuhause zu finden und den Ort gleichzeitig so sanft weiterzuentwickeln. Ein Vorzeigeprojekt, auch wenn die Anrainer berechtigt besorgt sind!

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